Antiziganismus, Sprachpolitik und deutscher Geist

von Benjamin Horvath

Mit „Die Beste Instanz“ rief Enissa Amani in kürzester Zeit ein Panel zusammen, um auf die unerträgliche WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ zu reagieren. Diese Reaktion war absolut notwendig, wies aber gewisse Schwächen auf.

Dass allzu viele Sendungen im deutschen Fernsehen nicht anzuschauen sind, sollte kritische Geister wenig verwundern. Die WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ vom 29. Januar 2021 konnte daraus sogar noch hervorstechen. Mit einer Talkrunde aus Personen, die weder in ihren jeweiligen Feldern noch zu gesellschaftlichen Fragen Qualität oder Expertise zeigen.

Der große Aufreger über die Sendung lag größtenteils am Beharren auf der Verwendung rassistischer Begriffe durch vier weiße Deutsche, die sich darüber beschwerten, dass heutzutage nichts mehr gesagt werden dürfe. Das Gros der Runde sprach Menschen ab, sich von diskriminierenden Begriffen verletzt zu fühlen. Kurz stach hier Micky Beisenherz als eine verhältnismäßige – jedoch nicht zu überschätzende – Stimme der Vernunft mit der Aussage heraus, man solle Worte eben ändern, wenn sich viele Leute durch diese verletzt fühlen. Er wandte jedoch passiv-aggressiv ein, ihm sei der Aufwand sich dagegen zu wehren zu groß – wohl weil er die Meinungsdiktatur schon im Nacken spürt.

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MONITOR studioM im WDR Fernsehen zum Thema Rassismus gegen Sinti und Roma

Aus aktuellem Anlass diskutiert Georg Restle in der neuen Ausgabe MONITOR studioM mit Betroffenen und einem Experten über Rassismus gegen Sinti und Roma in unserer Gesellschaft und in den Medien.

Nach der Kritik an „Die letzte Instanz“ hatte der WDR bereits für März einen Themenschwerpunkt im WDR Fernsehen zum Thema Rassismus angekündigt. Das YouTube-Format MONITOR studioM beschäftigt sich schon jetzt mit der Frage, woher die Klischees über Sinti und Roma kommen und warum so getan wird, als seien sie Fremde von irgendwoher. Die Gesprächsrunde ist bereits online und am Mittwoch, 17.2.2021 um 23 Uhr auch im WDR Fernsehen zu sehen.

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Antigypsyism and Film / Antiziganismus und Film

Antiziganismus ist Normalität auf der großen Leinwand. Um dieses Problem aus unterschiedlichen Perspektiven zu untersuchen, versammelten sich Wissenschaftler und Nachwuchsforscher, Filmemacher und Menschenrechtsaktivisten – Roma wie Nicht-Roma – 2018 in Berlin zu einer internationalen Tagung: “Antiziganismus und Film“. Sie präsentierten ihre Forschungsergebnisse, teilten persönliche Zeugnisse und diskutierten Filme. Der vorliegende zweisprachige Band dokumentiert diese in ihrer Form bisher einzigartige Tagung.

Der Tagungsband umfasst wissenschaftliche Artikel und Essays sowie Interviews mit Filmemachern, unterteilt in vier thematische Abschnitte: Antiziganismus im Film, Fragen der Ethik, Strategien der Subversion und Antiziganismus im Verhältnis zu anderen Ressentiments.

 

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Sinti*ze und Rom*nja: Engagement in Deutschland

STÄRKUNG DER BILDUNGSTEILHABE UND DER SELBSTORGANISATIONEN VON SINTI*ZE UND ROM*NJA IN DEUTSCHLAND – EINE GEMEINSAME INITIATIVE DER FREUDENBERG STIFTUNG UND DER STIFTUNG EVZ

Die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) und die Freudenberg Stiftung stärken Rom*nja und Sinti*ze und setzen sich für ihre Rechte ein. Rom*nja und Sinti*ze waren Opfer von NS-Unrecht und nationalsozialistischer Verfolgung. Ausgrenzungen und Diskriminierungen wirken bis in die Gegenwart hinein.
Spezifische Angebote für eine gleichberechtigte Bildungsteilhabe sind in Zeiten der Corona-Pandemie umso dringlicher. Im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft hat die Europäische Kommission Ende 2020 einen neuen Europäischen Rahmen für Gleichbehandlung und Inklusion von Sinti*ze und Rom*nja vorgelegt. Die Projektförderung möchte dazu beitragen, im Rahmen dieses europäischen Vorgehens einen Beitrag für die gleichberechtigte Teilhabe von Rom*nja und Sinti*ze zu leisten.
Wir fördern Projekte von Sinti*ze- und Rom*nja-Organisationen in Deutschland für eine gleichberechtigte Bildungs- und damit für gesellschaftliche Teilhabe von Sinti*ze und Rom*nja.

Wir suchen Projektideen, die:

  • auf eine Verbesserung der Bildungssituation von Sinti*ze und Rom*nja zielen und
  • einen Beitrag zur Stärkung der Selbstorganisationen von Rom*nja und Sinti*ze leisten.

Wir begrüßen besonders Initiativen von Romnja* und Sintize* für Mädchen und Frauen.

Zwei Wege der Förderung:

  1. Laufzeit 2 Jahre > maximale Fördersumme 50.000 Euro
    Sie haben eine Idee für ein Projekt, das bis zu zwei Jahre laufen wird und maximal 50.000 Euro Förderung benötigt, dann nutzen Sie bitte dieses Formular.
  2. Laufzeit 6 Monate > maximale Förderung 6.000 Euro
    Ihre Organisation wurde bisher gar nicht oder nur im geringen Umfang gefördert und Sie haben eine Idee für ein kleineres Projekt, das bis zu sechs Monate laufen wird und maximal 6.000 Euro Förderung benötigt, dann nutzen Sie bitte dieses Formular.

Projekte können frühestens am 1. Juli 2021 beginnen.
Senden Sie uns Ihre Projektidee per Mail an bildungsteilhabe(at)stiftung-evz.de bis zum 15. März 2021 zu. Wir melden uns mit den Förderentscheidungen im Mai 2021.

Stand: 17.02.2021

Quelle: Stiftung EVZ

Antiziganismus, Gadje-Rassismus oder schlicht Rassismus?

Die Diskussion um die Benennung der Diskriminierung und Ausgrenzung von Sinti und Roma

von: Britta Veltzke, Journalistin

Sintize, Sinti, Romnja und Roma werden ausgegrenzt und diskriminiert – doch wie sollte diese Form von Rassismus angemessen benannt werden? Die Debatte um den Begriff Antiziganismus.

Elfjähriges Kind in Handschellen

Vorwürfe gegen die Polizei im baden-württembergischen Singen: Ein Beamter soll einen Sinto diffamiert und ohne die Eltern auf die Wache abgeführt haben – womöglich wegen der Herkunft des Jungen.

Der Landesverband der Sinti und Roma Baden-Württemberg erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizei. Es geht um einen Vorfall am vergangenen Samstag. Zwei Polizisten sollen am Nachmittag in der Stadt Singen nahe Konstanz einen Sinto vor dessen Wohnhaus kontrolliert haben. Die Beamten sollen ihn nach seinen Personalien befragt und durchsucht haben. Als sie in seiner Tasche ein kleines Messer entdeckten – was gesetzlich erlaubt ist -, sollen sie ihn mit Handschellen hinter dem Rücken gefesselt, festgenommen und für eine knappe Stunde mit auf die Polizeiwache genommen haben, wobei ihm jeder telefonische Kontakt zu seiner Familie verweigert worden sei. Das Besondere an diesem Fall: Der Festgenommene, Tiziano L., ist elf Jahre alt.

„Ein Kind festzunehmen, ist eindeutig rechtswidrig“, sagte Daniel Strauß, Vorsitzender des Landesverbands der Sinti und Roma, der Süddeutschen Zeitung. Er weist auf besondere Umstände hin, die offenbar mit der Herkunft des in Deutschland geborenen und einen deutschen Pass besitzenden Kindes zu tun hätten. So soll einer der beiden Polizisten den Elfjährigen in gebrochenem Romanes angesprochen haben, der Sprache, die von Sinti und Roma gesprochen wird. Auch soll der Beamte gegenüber dem Jungen gesagt haben, er kenne dessen „Zigeuner“-Familie genau. In der Diskussion mit dem Jungen habe der Beamte dann gedroht, Tiziano L. müsse die ganze Nacht auf der Wache verbringen. Ihn werde der „Mulo“ holen. Mulo ist Romanes und bedeutet grob übersetzt Tod.

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Zentralrat Deutscher Sinti und Roma: „WDR wollte mit Klischees Quote machen“

Nach einer Folge der WDR-Talkshow „Die letzte Instanz“ hagelt es Kritik auf Social Media. Wohlverdient: Denn die Sendung machte sich lustig über Rassismus und bediente antiziganistische Klischees. Ein Gespräch mit Romani Rose, dem Vorsitzenden des Zentralrat Deutscher Sinti und Roma.

In der WDR-Talkrunde „Die letzte Instanz“, moderiert von Steffen Hallaschka, wurden „kontroverse Themen“ wie das Z-Wort und Rassismus diskutiert – von vier weißen deutschen Gästen, die weder Ahnung noch Sensibilität für das Thema zeigten. Der Entertainer Thomas Gottschalk, der Moderator Micky Beisenherz, die Schauspielerin Janine Kunze und der Big-Brother-Kandidat Jürgen Milski nahmen an der Sendung teil, die Ende November 2020 ausgestrahlt und am 29. Januar 2021 wiederholt wurde – ausgerechnet zwei Tage nach dem Holocaustgedenktag. Auf Social Media hagelt es Kritik: Die Sendung reproduziert Antiziganismus und Rassismus, verspottet sogar den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. Die Gäste waren sich einig: Das Z-Wort zu sagen, sei kein Problem. Anders sieht das Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Ein Gespräch über Diskriminierung, Deutungshoheit und Deutschland.

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Buchankündigung: Das deutsche Fernsehen und der Fall ›Rassismus‹

Das vermeintliche Wissen, das über Sinti*ze und Rom*nija kursiert, ist geprägt von negativen Stereotypen bei kaum vorhandenen Kontakterfahrungen mit Angehörigen der Minderheit. Die dominierenden Bilder werden durch die Medien verbreitet und als Wahrheiten ausgegeben und rezipiert. Sie beschränken sich außerdem nicht auf Mitglieder der Minderheit, sondern werden ohne Widerspruch auf Menschen aus Bulgarien und Rumänien übertragen. Neben der emanzipatorischen Arbeit einer zunehmenden Zahl an Selbstorganisationen, ist es ein Anliegen dieser Arbeit, die medialen Inszenierungen, deren Schauplätze und Akteur*innen, sowie die dahintersteckenden Wirkmechanismen und Strukturen aufzudecken.

Katharina Peters untersucht am Beispiel der medialen Inszenierung von ›Sinti und Roma‹ im deutschen Fernsehen, wie Rassismen adaptiert und verbreitet werden. Die mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für interkulturelle Studien ausgezeichnete Analyse entlarvt die als Realitäten ausgegebenen Bilder in ihrer Konstruiertheit und schafft so Raum für andere Wirklichkeitsentwürfe, die ein vielfältigeres Bild zulassen und Stereotype negieren. Der diskurs- und medienwissenschaftliche Ansatz leistet einen Beitrag, Erscheinungsformen des Rassismus in Zeiten eines weltweit erstarkenden Nationalismus am Beispiel von Antiziganismus im deutschen Fernsehen detailliert zu beschreiben. Mit dem Ziel, die Sensibilität für eine diskriminierungsfreie mediale Darstellung zu schärfen und das Bewusstsein für die Realität Deutschlands als eine Einwanderungsgesellschaft zu stärken.

Stand: 17.02.2021

Quelle: Unrast Verlag

Interview zur Verfolgung und Diskriminierung Duisburger Sinti

Das Kultur- und Stadthistorischen Museum Duisburg veröffentlicht aus aktuellem Anlass auf youtube ein Interview zur Verfolgung und Diskriminierung Duisburger Sinti.

Interview mit Mario Reinhardt. Duisburger Sinto und Enkel des Auschwitzüberlebenden Franz Lehmann. Der Völkermord an den europäischen Sinti und Roma gilt als der vergessene Holocaust. Der Duisburger Sinto Franz Lehmann (1922–1992) überlebte den Völkermord. Sein Enkel, Mario Reinhardt, berichtet in diesem Video über die Verfolgung der Familie Lehmann, das Leben in der Nachkriegszeit und die Gegenwart rassistischer Diskriminierung. Das Interview wurde 2020 im Rahmen der Wanderausstellung „Rassendiagnose Z*: Der Völkermord an den Sinti und Roma und der lange Kampf um Anerkennung“ gezeigt. Das Zentrum für Erinnerungskultur präsentierte die Ausstellung des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma im Kultur- und Stadthistorischen Museum.

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„Das hier ist unsere Heimat“

In zwei Freiburger Stadtteilen leben etwa 300 Sinti – Haus an Haus, fast in einer Welt für sich. Die Gemeinschaft ist ihnen wichtig. Doch einige Häuser sollen abgerissen werden – das löst Ängste aus.

Von Jenni Rieger, SWR

Es riecht nach Lagerfeuer. Aus den Schornsteinen der einfachen Häuser im Ahornweg steigt Rauch. Er verteilt sich in der kalten Herbstluft. Vor den Eingängen lagern Holzscheite und Briketts, hoch gestapelt an den Außenwänden. Denn innen gibt es keine Zentralheizung.

„Wir haben uns daran gewöhnt“, sagt Sonja Lais, während sie ein Brikett in den Kachelofen des kleinen Wohnzimmers schiebt. „Der Ofen ist alt, die Fenster total marode, da zieht es durch. Aber trotzdem wollen wir um nichts in der Welt hier weg.“

Häuser als Wiedergutmachung

Hier, das ist der Ahornweg im Freiburger Stadtteil Lindenwäldle. Ein Dutzend Häuser etwa, vorne ein Hof, hinten ein kleiner Garten. „Nichts Besonderes vielleicht. Aber das hier ist unsere Heimat und wir wollen uns nicht vertreiben lassen“, sagt Sonja Lais. Sie ist eine Sintezza, eine Sinti-Frau. Und eine von etwa 300 Sinti, die im Ahornweg und im benachbarten Auggenerweg wohnen. In Häusern, die die Stadt Freiburg ihnen in den 1970er-Jahren zur Verfügung gestellt hat. „Als Wiedergutmachung für die Verbrechen der Naziherrschaft und mit einem Wohnrecht auf Lebenszeit“, erklärt Lais. Sie zeigt auf drei Porträtfotos: „Meine Großmutter, meine Mutter und jetzt ich.“

Zwei Generationen haben vor Lais in dieser kleinen Wohnung gewohnt. In den Nachbarhäusern leben acht ihrer Geschwister, ihre Kinder und die fünf Enkelinnen direkt nebenan. „Wir Sinti müssen zusammenbleiben, wir müssen aufeinander aufpassen.“ Das sei einfach ein Teil ihrer Kultur – und auch eine Strategie, sich zu wehren, gegen Bedrohungen von außen.

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